Raum und ZeiT

„Das waren 10 Jahre Gefängnis. 10 Jahre meines Lebens habt ihr mir gestohlen.“ Diese Aussage von Mercedes Kaiser über ihre Zeit im Landeserziehungsheim Kramsach-Mariatal kennzeichnet das Innen und Außen der Kinder- und Erziehungsheime. Von den Befragten werden sie charakterisiert als Gefängnis, Verlies, Haft, Kleinfolterberg, Stachelburg, Haus der Tausend Tränen, Hölle auf Erden oder Nordkorea. Diese Begriffe verweisen auf die Erziehungsmethoden, vor allem aber auch auf die Abgeschlossenheit und Isolierung. Die Kinder fühlten sich eingesperrt, ihrer Freiheit beraubt und an einem Ort verwahrt, von dem es kein Entkommen gab. Nachts waren sie eingeschlossen.

Zur Außenwelt gab es feste Grenzen, die Innenwelt war von einem dichten Regelwerk bestimmt, das von außen nicht beeinflusst wurde und den Tagesablauf, ja das ganze Leben der Heranwachsenden reglementierte. Julia Wegner gibt an, sie habe „alles nur grau und schwarz wahrgenommen, es war so düster, es war so depressiv, es war überhaupt nichts Schönes oder Erfreuliches da für uns Kinder.“ Walter Müller fühlte sich als Teil einer anonymen Masse, als Nummer, die durchgeschleust wird, die niemanden interessiert. Nicht nur der Umgang mit den Kindern, auch der Raum, in dem sie sich aufhielten, trug zu einer Entindividualisierung bei. Selten wurden sie als Einzelne wahrgenommen, fast immer nur als Gruppe oder als Teil von ihr. Die Einschließung und die Raumaufteilung zielten auf eine ständige Kontrolle und einen reibungslosen Ablauf ab. Diesem Prinzip war auch die Beschulung untergeordnet. Außer in den städtischen Kinderheimen Mariahilf und Pechegarten in Innsbruck, wo die Kinder und Jugendlichen außerhalb der Anstalten in die Klasse gingen, wurden sie in Schulen unterrichtet, in denen sich nur Heimkinder befanden und dies noch dazu innerhalb der dicken Anstaltsgemäuer.

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Abgerufen am: 21-01-2019