Der Körper

Alle Interviewten zeigten sich über die Qualität der Nahrung und die Begleiterscheinungen ihrer Verabreichung im höchsten Maße unzufrieden und empört. Die Lieblosigkeit, mit der die Mahlzeiten zubereitet wurden und zu sich genommen werden mussten, war eklatant und versinnbildlichte bereits die Missachtung der Heimkinder. „Für uns Fürsorgekinder war das Essen ein Grauen. Dabei waren wir überhaupt keine verwöhnten Kinder, da wir arm waren“, betont Julia Wegner, die gegen Ende der Woche in Scharnitz eine zusammengemischte Mahlzeit aus übrig gebliebenen Essensresten wie in einem „Schweinetrog“ verabreicht bekam. Das Essen in Kleinvolderberg war miserabel, eine Reihe von Zöglingen kam aus derart verarmten Familien, dass sie froh waren, sich wenigstens satt essen zu können. In einigen Heimen wurden die Kinder um ihr Essen betrogen, sie litten Hunger – selbst noch in den 1970er Jahren. Erzieherinnen und Erzieher, Patres und Klosterschwestern ließen es sich gut gehen, zu Lasten der Kinder. Julia Wegner erzählt über eine besonders skandalöse und demütigende Praktik der Schwester Oberin aus Scharnitz, die ihren Hund vor den Augen der Kinder mit Sahnetörtchen fütterte. „Da fühlte ich mich komplett wertlos“, sagt sie. Aus fast allen Heimen wird berichtet, dass es einen regelrechten „Überlebenskampf“ um das Essen gab, bei dem die Jüngeren gegenüber den Älteren den Kürzeren zogen. Die ErzieherInnen griffen nicht schlichtend zugunsten der Schwächeren ein. Diese Praktik gehörte zu den Erziehungsmethoden und diente auch gezielt der Entsolidarisierung.

Zahlreiche Interviewte berichten über ausgesprochene Zwangsmaßnahmen bis hin zu Schlägen, wenn nicht aufgegessen wurde. Einige Kinder mussten Erbrochenes aufessen. Strafen wegen ungebührlichen Benehmens bei Tisch waren das Verbinden der Augen oder die Zurschaustellung vor den anderen, etwa durch das Tragen einer Hexenmaske aus Gummi. Alle Befragten kannten Essensentzug als Strafe, für die kleinen Kinder war das Streichen des Abendessens, des geliebten Sonntagsnachtisches oder der sonntäglichen Frühstückssemmel besonders schlimm. Wer von daheim etwas zugesteckt bekam, gehörte zu den Glücklichen. Allerdings bedurfte es einiger Geschicklichkeit, um die Lebensmittel und Süßigkeiten vor den ErzieherInnen zu verstecken. Sie trachteten danach, den Kindern dieses Zubrot abzunehmen.

Auch das Waschen gehört zu den vielfältigen Formen körperlicher Missachtung in den Heimen. Die Hygiene war oft mit Grobheit und einer ablehnenden Körpersprache seitens der ErzieherInnen verbunden. Alles musste schnell gehen, die Kinder in rascher Folge abgefertigt werden. Die sanitären Einrichtungen einiger Heime wie in Kramsach-Mariatal oder Kleinvolderberg waren völlig desolat. Meist konnte nur einmal in der Woche geduscht oder gebadet werden, der Kleiderwechsel erfolgte in der Regel alle 14 Tage. Mehrere Befragte berichten, dass sie sich geschämt hätten, weil sie so muffelten. Überhaupt wurden die Mädchen in den Landeserziehungsheimen gezwungen, über der Kleidung Schürzen zu tragen, die sie uniformierten und als Zöglinge markierten. 

https://www.heimerziehung.at//kollektive-erfahrungen/der-korper
Abgerufen am: 21-01-2019