Arbeitszwang statt Bildung

Mangelnde Berufsausbildung ging in den Heimen Hand in Hand mit einer unzureichenden Schulbildung. Ein großer Teil der Befragten wurde unabhängig von ihrem sichtbaren oder erst noch zu fördernden Potential in eine Sonderschule gesteckt. Über einen Pflichtschulabschluss hinaus kam kaum jemand.

Die Berufswahl sah oft so aus: Als der Berufsberater kam, habe er dem 14-Jährigen gleich Schläge angedroht, als dieser seinen Berufswunsch äußerte, der nicht in das Konzept des Beraters passte, erzählt Markus. Unter einem enormen zeitlichen Druck wurden ihm wie auch den anderen Buben einige wenige burschenspezifische Handwerksberufe aufgezählt: „Innerhalb von fünf Minuten entschied sich meine ganze Zukunft.“ Auch Aloisia Wachter berichtet, dass sie nach dem erzwungenen Besuch der Sonderschule in Martinsbühel in der angegliederten einjährigen Haushaltungsschule zwar ein ausgezeichnetes Zeugnis bekam, doch das Jugendamt bestimmte noch 1983, dass sie eine kaufmännische Lehre absolvieren musste, obwohl ihr das widerstrebte. Ihrem Wunsch könne nicht entsprochen werden, da die Lehrherren ihr aufgrund des Sonderschulbesuchs negativ gegenüber stünden.

Selbst 1980 befanden sich von den rund 50 weiblichen Jugendlichen im Erziehungsheim Schwaz nur vier in einer Lehre. Laut Heimleitung hätten die Mädchen alle Möglichkeiten für eine ordentliche Berufsausbildung, doch sie würden nicht wollen. Eine der jungen Frauen berichtete in der Fernsehsendung „Teleobjektiv“, in der diese Befunde erhoben wurden, dass man zu ihnen sagen würde: „Bist eh zu deppert.“ Immer noch arbeitete die Hälfte der Jugendlichen zu diesem Zeitpunkt im Heim. Es hieß bügeln, häkeln, Küchenarbeit verrichten, in der Waschküche arbeiten und immer wieder putzen und putzen. Die Schikanen waren breit gefächert, der Arbeitszwang total. Die Küchenarbeiten und ganz besonders die landwirtschaftlichen Tätigkeiten im weitläufigen Ökonomiekomplex des Schwazer Areals dienten zur Personaleinsparung und zur teilweisen Deckung ihrer Aufenthaltskosten, die für die öffentliche Hand so niedrig wie möglich gehalten wurden. Das Heim arbeitete auch gewerblich für Privatfirmen und das Bundesheer. Die Abgängerinnen der weiblichen Erziehungsheime beschweren sich alle darüber, dass sie für diese Leistungen wenig bis gar nichts bekommen hätten. Das Taschengeld für die Arbeitstätigkeiten variierte nach Wohlverhalten und wurde zunächst wie der Lohn für Arbeiten im Außendienst auf ein individuelles Heimkonto gut geschrieben, auf das die Mädchen nur auf Anfrage und nach Angabe des Verwendungszwecks Zugriff hatten. Kleinvolderberg befleißigte sich desselben Systems.

https://www.heimerziehung.at//kollektive-erfahrungen/arbeitszwang-statt-bildung
Abgerufen am: 21-01-2019