Blog Erwin Aschenwald, ehemaliger Zögling Bubenburg Fügen

 

Aus: Gaismair-Jahrbuch 2010 (Interview mit Georg, anonymisiert, 6.5.2009)

Horst Schreiber

Schlagen, demütigen, missbrauchen

Eine Kindheit in der „Bubenburg“ zu Fügen

Eigentlich kann Georg trotz seiner grauenhaften Kindheit und Jugend sogar noch von Glück sprechen, dass er – altersbedingt – nicht schon in den Nachkriegjahren in die Anstalt eingewiesen wurde. Zu dieser Zeit wurden gerade die Hitlerbilder ab- und die Kreuze und Heiligenbilder wieder aufgehängt, um die „Zöglinge“, nun im Namen Gottes, so lange zu terrorisieren, bis sie wussten und fühlten, was die Hölle auf Erden war.

Die Anstalt – das ist das in einem Kloster untergebrachte Knabeninternat im Zentrum Fügens samt angeschlossener Sondererziehungsanstalt, die außerhalb dieser Gemäuer eines ehemaligen Schlosses lag. Diese Fürsorgeinstitution, zunächst Knabenheim St. Josef genannt, wurde 1926 vom Seraphischen Liebeswerk für Tirol und Vorarlberg des Kapuzinerordens gegründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt das Knabenheim unter der Leitung des Kapuzinerpaters Magnus Kerner seinen heutigen Namen „Bubenburg“.Wenn nun im Folgenden die Erfahrungen eines der „Zöglinge“ geschildert werden, so ist zu berücksichtigen, dass wir von den 1970er-Jahren sprechen, also von einer Zeit, in welcher der Höhepunkt autoritärer Erziehungspraktiken, auch in der „Bubenburg“, schon längst überschritten war. 

Der Makel als Alleinerzieherin

„Herr unser Gott, wir danken dir für unsere Mutter. Es ist wichtig, daß Mutter bei uns bleibt und gesund ist. Amen.“ (Muttertagsgottesdienst)

 Der Grund für die Einweisung Georgs in ein katholisches Heim ist repräsentativ für viele seiner LeidensgenossInnen. Der alleinerziehenden Mutter, die zeitweise auch mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte, wurde nicht zugetraut, ausreichend für das Kindeswohl sorgen zu können. Dabei spielte weniger die sorgfältige Prüfung der Lebensumstände der Ein-Eltern-Familie oder des Entwicklungsstandes des Buben eine Rolle, um sodann Maßnahmen zu treffen, welche Mutter und Kind stützen und fördern würden. Allein die Tatsache, eine Ledige mit Kind zu sein, führte zur automatischen Amtsvormundschaft, welche die Mutter geradezu entmündigte und die Fürsorgerin mit weitreichenden Entscheidungsbefugnissen ausstattete.

Die Mutter: Schneiderin wollte sie werden, sich ein eigenes Leben erarbeiten. „Du bist ein fesches Dirndl, wozu willst du einen Beruf lernen, wirst ja doch geheiratet. Das ist doch hinausgeschmissenes Geld“, bekommt sie zu hören. Ein Allerweltsschicksal, ein ganz „normales“ Frauenschicksal in der Tiroler Provinz, das seinen Lauf nimmt. Zum Unglück der Mutter sollte sich geradezu zwangsläufig das Unglück des Sohnes gesellen. Sie zieht in die Stadt, verliebt sich, wird geschwängert, der Mann nimmt seine Verantwortung nicht wahr und macht sich aus dem Staub. Die logische Konsequenz: Sie kehrt in ihren Heimatort zurück. Was gilt eine Frau ohne Mann in dieser Situation in der Tiroler Gesellschaft?

Zunächst halten sich die Folgen des „Fehltritts“, wie die Geburt eines unehelichen Kindes allgemein in ihrem Umfeld gesehen wird, noch einigermaßen in Grenzen. Die ersten paar Jahre leben die beiden bei Georgs Großmutter. Doch bald nach ihrem Tod beginnen die Schwierigkeiten. Die Mutter findet Arbeit bei einem Schneidermeister im Ort, nach kurzer Zeit stellt sich allerdings heraus, dass in Wirklichkeit eine tüchtige Ehefrau für dessen behinderten Bruder gesucht wird. Die Mutter weist dieses Unterfangen jedoch brüsk zurück. Nun schaltet sich die Schwester ein, die sich intensiv um den behinderten Bruder gekümmert hat, eine Schwester, die zugleich auch Ordensschwester und Gemeindekrankenschwester ist. Sie bemüht sich darum, dass die Kinder Gottes den rechten Weg finden und tritt daher im Ort als treibende Kraft bei der Einweisung von Buben und Mädchen in katholische Erziehungsheime auf. So können sich in Georgs Fall ihre persönlichen Privatinteressen, Rachegelüste und ihr missionarischer Eifer hinter hehren christlich-moralischen Wertmaßstäben verstecken. 

https://www.heimerziehung.at//heimkinder-erzahlen/bubenburg-fugen
Abgerufen am: 21-01-2019