Vom Sprechen und Nichtsprechen

Welche Gründe geben die ehemaligen Heimkinder für ihr bisheriges Schweigen an? Eine Schlüsselantwort darauf, mit der ausnahmslos alle übereinstimmen, gibt Julia Wegner: „Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass mir niemand glauben wird.“ Während ihrer Heimzeit mussten alle InterviewpartnerInnen diese Erfahrung machen, die allermeisten auch danach. Das Wissen über die Geschehnisse war damals zwar vorhanden, doch sowohl bei den betroffenen Institutionen als auch in der Gesellschaft mangelte es an Interesse und Offenheit für ihre Heimkarrieren und Leidensgeschichten. Weder innerhalb noch außerhalb der Heime war eine unabhängige Beschwerdestelle eingerichtet. Die Befragten berichten, dass man sie oft genug einschüchterte, nur ja den Mund zu halten oder sie anwies zu lügen. Sie erzählen von LehrerInnen, ErzieherInnen, Fürsorgerinnen, Heimleitungen usw., welche die blauen Flecken wahrnahmen, aber wegsahen oder Erklärungen vertrauten, die gegen das Kind sprachen. Die wenigsten wollten sich gegen Vorgesetzte stellen, sich dem Vorwurf der Nestbeschmutzung aussetzen und gegenüber KollegInnen illoyal erscheinen. Die Loyalität gegenüber der Institution wurde unter Druck hergestellt. Denjenigen, die Missstände aufzeigten, wurde mit politischer Intervention gedroht. Die Angst um den Arbeitsplatz war nicht unberechtigt, karrierefördernd war ein Auftreten zugunsten der Kinder und ihrer Rechte allemal nicht. Es gab Besuche von Fürsorgerinnen und Abordnungen aus dem Jugendamt und der Politik in den Heimen. Diese Inspektionen, die der Kontrolle dienen hätten sollen, sahen oft so aus, wie Aloisia Wachter schildert: „Wir haben ein paar Lieder geträllert und dann sind die wieder gegangen. Dann war der gleiche Trott. Da ist nichts nach außen gedrungen, es wurde so dargestellt, wir sind eh gut gekleidet und es geht uns eh gut.“

Weitere Gründe für das jahrzehntelange Schweigen sind Scham und Schuldgefühle. Mehrere Interviewpartner wollten unbedingt vermeiden, dass an ihrem Arbeitsplatz oder unter FreundInnen und Bekannten ruchbar würde, dass sie ein Heimkind waren. Auch NachbarInnen, vor allem aber die eigene Familie sollte diese stigmatisierende Vergangenheit nicht kennen. Überdies wäre die Konsequenz des Redens gewesen, den innersten Kern der Persönlichkeit bloßlegen zu müssen. Zudem stelle sich die Frage, was das Reden bringen soll, da nichts mehr ungeschehen gemacht werden könne. Die Belastungen für Frau und Kind wären unzumutbar.

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Abgerufen am: 21-01-2019