Vom Heim ins Leben

Bis in die 1970er Jahre hinein kann nur in seltenen Fällen von einer Nachbetreuung und Unterstützung für die Integration in das Leben außerhalb des Heimes gesprochen werden. Oft war die Nachbetreuung nichts anderes als die Fortsetzung der Kontrolle und des Drucks des Heimes. Hans Weinert, Leiter des Erziehungsheimes Kleinvolderberg, der später in eine führende Position eines Bezirksjugendamtes aufrückte, schildert, dass es einiger Mühen und Zeit bedurfte, bis eine größere Professionalität und mehr Verständnis in dieser Frage in den Ämtern herrschte. Wesentlichen Anteil an einer Verbesserung der Lage hatten engagierte SozialarbeiterInnen und Gruppen wie der Arbeitskreis Heimerziehung oder der Verein für Soziale Arbeit und die Bewährungshilfe.

Eine psychologisch betreute siebenköpfige Gesprächsrunde fasste ihre Erfahrungen nach dem Heimaufenthalt so zusammen: „Niemand hat sich um uns gekümmert, wir sind auf der Straße gestanden.“ Hans Berger berichtet: „Als ich 18 war, sagte mir Erzieher A, ich bin frei und muss das Heim sofort verlassen, ohne jede Unterstützung mit einer blauen Arbeitsmontur und Gummistiefel. So stand ich vor der Tür und wußte nicht wohin, ohne Geld, ohne Arbeit, ohne Ziel. Eltern und Verwandte waren für mich gestorben, da führte kein Weg hin. Von der ganzen Welt im Stich gelassen, meiner Kindheit beraubt und fallen gelassen wie ein Stück Dreck. Unerziehbar entlassen, ausgenützt, betrogen, bestohlen, enttäuscht von Menschen, vor denen man Achtung haben sollte. Nach meiner Heim-Entlassung hauste ich in Heustadeln oder in Schrebergartenhäuschen, gelebt habe ich von Diebstählen. Später habe ich in der Rossau (Mülldeponie) in einem alten Bus gewohnt und habe junge Leute von der Bocksiedlung kennengelernt, mit denen ging ich nachts einbrechen. Sonst hat sich um mich niemand gekümmert.“ Auch Ludwig Brantner erlebte Ähnliches und wusste nicht, wohin er sich wenden sollte: „Manchmal fragte ich mich, ob ich überhaupt ein Interesse an meiner Zukunft hatte. Das Leben war mir total egal, mein Zustand war mir gleichgültig. Es gab niemanden, den ich gern hatte, niemanden, der mich mochte. Wofür sollte ich überhaupt leben? Nur das Trinken gefiel mir.“ Der Weg in die Kriminalität und Prostitution war in solchen Situationen für viele heimentlassene Jugendliche bereits vorgezeichnet.

https://www.heimerziehung.at//kollektive-erfahrungen/vom-heim-ins-leben
Abgerufen am: 21-01-2019