Beziehungen

Dass sie einfach gemocht wurden, darüber wissen die ehemaligen Heimkinder in den seltensten Fällen etwas zu berichten. Es ist frappierend, dass sie kaum Zuwendung erfuhren und nur wenige BetreuerInnen positiv erwähnen. Dabei ist die Bereitschaft groß, ErzieherInnen in einem milden Licht zu sehen, wenn diese auch nur kleine Gesten der Anteilnahme zeigten oder wenigstens gröbere Schläge unterließen. Selten, vereinzelt aber doch, gab es ErzieherInnen, welche die Kinder gut behandelten. Wer etwa von einem gefürchteten Heim wie Westendorf nach Innsbruck in den Pechegarten oder auch nach Mariahilf überstellt wurde, konnte den Ortswechsel als wohltuend empfinden, manchmal sogar als schöne Zeit. Wenn jemand, wie etwa eine Schwester in Martinsbühel, den Kindern nur ein wenig Wärme entgegenbrachte, waren sie nicht mehr zu halten, so Aloisia Wachter: „Sie waren wie ein Rudel Schafelen um sie und haben gesagt: ‚Schwester hängen Sie ein.‘“ Eine Erzieherin in Schwaz ragt heraus, die sogar mit ihren eigenen Kindern im Heim blieb, um mit Hermine Reisinger, die völlig alleine dastand, gemeinsam Weihnachten zu feiern.

Aloisia Wachter, die so wie fast alle befragten Heimkinder über das Fehlen von Zuwendung und den Mangel an Geborgenheit klagt, bringt exakt auf den Punkt, wie einige Kinder das, was sie an Bösem erlebten, teilweise positiv zu besetzen versuchten, weil sie nichts anderes kannten: „Für mich war Gewalt, waren Ohrfeigen ein Zeichen von Liebe.“ Walter Müllers Beschreibung seiner Gefühle in Kleinvolderberg entspricht einer Kollektiverfahrung ehemaliger Heimkinder: „Zurückblickend in die damalige Zeit ist fast nichts erhalten geblieben, was angenehme Erinnerungen auslösen könnte. Ein Bild, gemalt in tiefem Grau, kalt umrahmt und irgendwie endlos. Endlos traurig, endlos bitter und endlos hoffnungslos. Ohnmacht gepaart mit Aussichtslosigkeit (…) in Kombination mit Ungerechtigkeit (…). Ich fühlte mich ausgeliefert, verschachert, verkauft, hatte ich doch keinen Wert mehr. (…) Zuneigung oder Verständnis hatten keinen Platz und keine Zeit.“

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Abgerufen am: 21-01-2019