Anpassung und Widerstand

Wie reagierten nun die Heimkinder auf die Verhältnisse im Heim? Viele von ihnen passten sich an, wobei es sich zumeist um eine widerwillige Anpassung handelte. Ein Teil ging diesen Weg, um die Gunst von ErzieherInnen zu gewinnen und so zumindest in Ansätzen zu jenen Erlebnissen zu kommen, die sie in ihrem Leben entbehrt hatten: Liebe, Respekt, Anerkennung, als Kind und Jugendlicher angenommen zu werden. Die Herstellung von Anpassung war Teil des ausgeklügelten Systems von Strafe und Belohnung, wobei es für Strafen einen nicht enden wollenden Katalog von Sanktionen gab und für Belohnungen einige bescheidene Anreize, die fast immer in Verbindung mit Strafandrohungen standen.

Ein selbstständiges, verantwortliches Handeln konnte diese Erziehung sicherlich nicht fördern. Häufig führte sie zu einer Scheinanpassung, über die ErzieherInnen und Heimleitungen heftig klagten. Sie unterstellten dieses Verhalten, zu dem sie selbst in hohem Maß beitrugen, auch jenen, die sich ernsthaft bemüht hatten, was diese wieder veranlasste, zu ihrem widerständigem Benehmen zurückzukehren.

Wer nicht ständig in Isolierhaft sein oder den Ausgang am einzigen Halbtag in der Woche verlieren wollte, wer nicht ständig geschlagen werden wollte, wer keine Glatze geschoren bekommen wollte, wer nicht Teile seines wenigen hart verdienten Geldes verlieren wollte, wer unter Menschen kommen und außerhalb des Heimes arbeiten wollte und wer in die letzte Gruppe gelangen wollte, um frühzeitig entlassen zu werden, war bestrebt, nicht negativ aufzufallen und seine „Bewährung“ unter Beweis zu stellen. Nicht zufällig nahm ein ruhigeres und angepassteres Verhalten bei einem Teil der Heimkinder vor allem gegen Ende des Heimaufenthaltes zu. Dieses System verlangte die totale Unterwerfung.

https://www.heimerziehung.at//kollektive-erfahrungen/anpassung-und-widerstand
Abgerufen am: 21-01-2019