Aus: Gaismair-Jahrbuch 2007

Horst Schreiber

Eine jenische Kindheit in Tirol

Die Jenischen, die stets in großer Armut lebten und in Tirol abschätzig auch „Karrner“ genannt wurden, bildeten im Zuge ihres nomadischen Lebens eine eigene Kultur und Sprache heraus. Sie können als eigenständige, aber bisher noch nicht anerkannte Volksgruppe bezeichnet werden. Die Jenischen leben vor allem in (Süd)Tirol, Vorarlberg, Kärnten, in der Ostschweiz und im süddeutschen Raum. Ihr autonomer, nicht-bürgerlicher Lebensstil wurde von der sesshaften Gesellschaft zutiefst angefeindet und kriminalisiert. Der Ausgrenzung über die Jahrhunderte folgten in der NS-Zeit Maßnahmen wie Zwangssterilisierung und Deportationen in ein Konzentrationslager. Eine Wiedergutmachung und eine Aufarbeitung der Verfolgung der Jenischen im Nationalsozialismus sind bis heute nicht erfolgt.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieben die Jenischen an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Die fortgesetzte Pathologisierung ihrer Lebensweise sorgte dafür, dass bis in die jüngste Zeit Diskriminierungen die Regel waren. Auch in den Jahrzehnten nach dem Krieg wurden jenische Kinder ihren Eltern entrissen und in Tiroler Erziehungsanstalten gebracht. Dass nicht wenige von ihnen dort nicht nur eine äußerst schlechte Behandlung erfuhren, sondern jahrelange Missbrauchserfahrungen machen mussten, ist bis heute ein besonders tabuisiertes Thema. Anfragen Betroffener auf Einsichtnahme in ihre Akten, um Antworten auf die quälenden Fragen zur eigenen Vergangenheit zu erhalten, werden von den Ämtern und den politisch Verantwortlichen immer wieder abgelehnt. Denn noch immer gilt TäterInnenschutz vor Opferschutz. Die folgende Geschichte steht symptomatisch für das vergessene und verdrängte Schicksal vieler jenischer Kinder in Tirol.

https://www.heimerziehung.at//heimkinder-erzahlen/westendorf
Abgerufen am: 21-01-2019