Aus: Horst Schreiber, Im Namen der Ordnung

St. Martin in Schwaz 1958–1961: „Ich wurde zum Jasager erzogen.“ 

„Festsaal mit Wachs auf den Knien einlassen, geglänzt wie ein Spiegel, so wurde überall geputzt; Hofverbot, Sprechverbot, Karzer 1 Woche, putzen putzen waschen, die Heimkleider nähen, zu fremden Leuten putzen gehen; Kartoffel klauben und säen; Karzer, Ohrfeigen; Verbot zu meiner Schwester ins Krankenhaus zu gehen; still sitzen, Schweigen im Schlafsaal, ständige Spindkontrolle, sticken, Fenster mit Gitter, alles zugesperrt; man hat meine Schwester und mich total gebrochen! Alle dieselben Kleider, jeder wusste, dass wir Zöglinge sind. Unser Vergehen war, dass wir gerne und gut Rock and Roll getanzt haben. Meine Mutter wollte immer Vorzeigekinder, aber wir wollten nur ein bisschen Leben. Wir hatten weder Eislaufschuhe noch sonst irgendetwas. Bis heute bin ich ein Jasager. Habe immer Albträume, weine oft und alleine. Habe nie einen Ansprechpartner. Nach dem Heimaufenthalt in die Fabrik arbeiten gegangen. Zimmer mit offenem Klo und Ziehbrunnen im Keller, das war nach dem Heimaufenthalt unser zu Hause. So ist mein Leben weiter verlaufen, einfach Scheiße. Seit meinem 25. Lebensjahr Magenschmerzen, Wut- und Weinkrämpfe, Schlafstörungen sind normal. (...) Pubertierende Kinder waren wir, das ist alles. Von den anderen Kindern und besonders von der Schwester isoliert.“

Roswitha Lechner ist nervös und angespannt. Kurz vor dem Interview hat sie eine Beruhigungstablette eingenommen, um das erste Mal in ihrem Leben ausführlich von ihrem Aufenthalt im Landeserziehungsheim St. Martin in Schwaz zu sprechen. Von den Demütigungen, dem Unrechtsgefühl und der Erziehung zum absoluten Gehorsam. Sie spricht über ihre Kindheit und Jugend, für die sich bis jetzt niemand interessiert hat. „Ich habe so die Wut, so die Wut, so die Wut!“, presst sie heraus. Sie weint, als sie ihren unterdrückten Erinnerungen freien Lauf lässt. Roswitha Lechner hat nicht einmal im Zuge ihrer sechsjährigen Therapie über die großen Wunden, welche die Zeit im Heim ihr geschlagen hat, geredet. „Ich habe wirklich 40 Jahre nie darüber gesprochen. Nun tue ich es für meine verstorbene Schwester.“ (...) Roswitha Lechner und ihre Zwillingsschwester Martha wachsen vaterlos auf, sie sind unzertrennlich. (...) 

https://www.heimerziehung.at//heimkinder-erzahlen/st-martin-schwaz
Abgerufen am: 21-01-2019