Bericht von Brigitte Wanker über ihre Erfahrungen in der Arbeit im St-Josefs-Institut in Mils 1980

 

Aus: Horst Schreiber, Im Namen der Ordnung

St.-Josefs-Institut in Mils, 1980: „Ich erlebe andauernd, wie diesen Menschen der Weg zur Selbständigkeit versperrt wird.“

An der Jahreswende 1979/80 trat Brigitte Wanker im Alter von 22 Jahren eine Hilfspflegerinnenstelle im Pflegeheim des von den Barmherzigen Schwestern geführten St.-Josefs-Institut in Mils an. Die offizielle Bezeichnung des Hauses lautete „Pflegeanstalt für Geistesschwache“. So wie die Klosterschwestern und sonstigen Angestellten verfügte auch Wanker über keine Fachausbildung. Sie war eigentlich gelernte Weberin und mit der Absicht angetreten, ihre handwerklichen Fähigkeiten zu nutzen, um die Kreativität der Kinder zu fördern. Am Institut waren zu diesem Zeitpunkt 210 Personen aller Altersstufen untergebracht, von Kleinkindern bis zu alten Menschen. Rund ein Drittel waren Kinder, die über das Jugendamt oder von ihren Angehörigen eingewiesen wurden. Alle Insassen wurden als „geistig Schwerstbehinderte“ geführt, obwohl die Gruppen sehr heterogen zusammengesetzt waren. In ihnen befanden sich auch Menschen, die nur eine körperliche Beeinträchtigung hatten oder Hospitalisierungserscheinungen aufgrund mangelnder Zuwendung und Förderung zeigten. Viele Kinder und Jugendliche im St.-Josefs-Institut kamen aus schwierigen Familienverhältnissen und hatten bereits längere Heimkarrieren hinter sich. Es handelte sich oft um Heranwachsende, die abgeschoben worden waren, die Schwestern kümmerten sich um Menschen, die kaum jemand wollte, mit denen man sich im Heimatdorf vor den NachbarInnen schämte und die zeitaufwändig zu betreuen und zu fördern waren. (...)

In den Genuss von konsequenten und zielgerichteten Therapien kamen die wenigsten. Das Programm bestand aus Arbeit in der klösterlichen Landwirtschaft, in der Küche etc. Für einige gab es dafür ein Taschengeld, über das aber nicht selbstmächtig bestimmt werden konnte. Der Heimalltag, den Brigitte Wanker kennenlernte, war bis ins Detail vorgeplant und in ein enges zeitliches Korsett gepresst. Dies übte Druck auf die Betreuerinnen aus, der Pflege und den Tätigkeiten Vorrang einzuräumen, die den reibungslosen Ablauf des Anstaltsbetriebs garantierten. Der unverantwortbar schlechte Betreuungsschlüssel verhinderte eine individuelle Förderung, ein liebevolles, respektvolles Verhältnis und einen kindgerechten Umgang. Brigitte Wanker hatte für 24 schulpflichtige Buben Sorge zu tragen. Bestimmte bereits die starre, menschenunfreundliche Binnenorganisation über Betreuerinnen und Betreute, kamen noch die mangelhafte Ausstattung, die Überforderung des Personals durch Unterqualifikation und der Geist der klösterlichen Härte hinzu.

https://www.heimerziehung.at//heimkinder-erzahlen/mils
Abgerufen am: 21-01-2019