Überstellungsgründe

Die Überstellung von Kindern und Jugendlichen in die öffentliche Erziehung wurde mit dem Begriff der Verwahrlosung legitimiert. Jugendämter und Gerichte ordneten Heimeinweisung an, um die geistige, seelische und sittliche Verwahrlosung Minderjähriger zu beseitigen oder als Präventivmaßnahme, wenn ihrer Ansicht nach „Verwahrlosung“ drohte. Das Verwahrlosungsparadigma war juristisch nicht genau definiert und blieb weitgehend der Interpretation der einweisenden und diagnostizierenden Instanzen überlassen. Das 1954 von der oberösterreichischen Landesregierung herausgegebene „Handbuch der Fürsorge und Jugendwohlfahrtspflege“ definierte Verwahrlosungserscheinungen folgendermaßen:

„Mangel in den objektiven Lebensverhältnissen, in subjektiven Verhaltens- und Handlungsweisen; Folgeerscheinung eigener schlechter Veranlagungen oder von Erbeinflüssen, schlechten Lebens- und Umweltsverhältnissen, schlechter Erziehung. Verleitung oder Zwang zum Bösen. Die Verwahrlosung äußert sich in mannigfachen Formen wie: Lügenhaftigkeit, Arbeitsscheu, Liederlichkeit, Naschhaftigkeit, Betteln, Diebstahl, Betrug, Gewalttätigkeit, sexuelle Triebhaftigkeit, Durchgehen und Herumstrolchen, Schulschwänzen, Unheilstiften (Brandlegungen); Gefühlskälte, Lust am Sekkieren, Tierquälen, an Streitigkeiten, Raufhändeln, Roheitsakten; Besuch schlechter Lokale und Gesellschaften, Glücksspiel, Frechheit, Trotz, Auflehnung gegen Eltern, Lehrer und Dienstgeber, Hemmungslosigkeit, Großtun, übertriebene Eitelkeit, Putzsucht, Sportrausch, Vergnügungs- und Genußsucht, Abenteurertum. (…) Eine Verhaltens- oder Handlungsweise, die bewußt gegen die Gesellschaft gerichtet, sogar gesellschaftsfeindlich ist.“

https://www.heimerziehung.at//gewaltsystem-heim/uberstellungsgrunde
Abgerufen am: 21-01-2019